Teil 7 der Chronik: 2004

2004 war was los, hier. Die monatliche Lesereihe TRANSIT hielt uns auf Trab, zusammen mit PR und DB vom mairisch Verlag war es aber ein Vergnügen, zusammenzuhocken, sich Texte vorzulesen, zu diskutieren und schließlich festzulegen, wen wir einladen wollten. Da TRANSIT nicht nur eine LESEreihe war, sondern auch Musik, Filme und Fotos präsentierte, hatten wir auch immer viel zu sichten und hören. Es war herrlich! Frei nach dem Motto Fordern & Fördern wandten wir uns an die Kulturbehörde und forderten eine Förderung – und bekamen sie auch. Herzlichen Dank nochmal!

Ebenfalls in diesem Jahr konnten wir voller Begeisterung den Gedichtband “Du bist es nicht, Coca Cola ist es” von Benjamin Maack veröffentlichen. Legendär war die Premierenlesung, äh die Buch-Verkaufsshow, bei der Benjamin zeigte, was man mit dem Buch alles machen kann. Klar, daraus vorlesen. Aber auch: Zerreißen, Weitwurf, verbrennen, in einer Pfanne live auf der Bühne gebratetene Spiegeleier umdrehen (!), (Aufruf: Wer war dabei? Was hat Benjamin noch damit gemacht? Schreibt uns: info@minimaltrashart.de; danke!)

Unsere bis heute vermutlich besonderste Veröffentlichung waren die “27 Seiten von Josef Voss” von Jochen Möller. Darum geht es: 1972 rangiert eine Würzburger Firma für Präzisionsteile alte Schreibmaschinen aus. Eine davon bekommt ein kleiner Angestellter Ende fünfzig – Josef Voss. Unbeholfen hält er im Zwei-Finger-System fest, welche verschütteten Erinnerungen und Gedanken ihn bewegen. Seine verlorene Familie. Albträume, wohl aus dem Krieg. Ein verzauberter Abend im Obstgarten, als er zwanzig war. Sein Alltag in der Firma: Arbeiter, die ihn nicht ernst nehmen, der unberechenbare Chef, als Lichtblick Frau Sczerny. Eines Tages bricht die junge Studentin Monika in seine bescheidene Welt ein. Sie wohnt im gleichen Mietshaus über ihm… Und, man glaubt es kaum: Diese 27 Seiten fand Jochen Möller Jahrzehnte später unter der Bestecklade in einer Küchenkommode auf dem Flohmarkt, erkannte den Schatz und nummerierte sie.
Trotz der Kürze des Textes ist die Geschichte anrührend und intensiv, und man glaubt den Hauptdarsteller kennen zu lernen und ihm nahe zu sein. ZÜNDFUNK (Bayerischer Rundfunk)
Josef Voss erhebt sich aus seinen Aufzeichnungen wie ein vergessener Großvater mit Travis Bickle Einschlag, und es passt alles einfach (…) zusammen. (Style)
Gibts hier zu kaufen: https://www.minimaltrashart.de/jochen-moeller/27-seiten-von-josef-voss.

 

Unsere Autoren und Innen gingen derweil gut auf Tour: Es gab Kinolesungen zum Film “Poem” von Ralf Schmerberg (mit u.a. den Darstellern Meret Becker, David Bennent, Klaus Maria Brandauer, Hermann van Veen, Jürgen Vogel und u.a. den Sprechern Hannelore Elsner, Anna Thalbach und Richy Müller). Als livehaftige Vorgruppe gaben sie alles in Kinos in Bonn, Neumünster, Hameln, Neuruppin, Brandenburg, München, Sulzbach, dem Magazin Hamburg und der Koralle Hamburg. Es lasen u.a. Benjamin Maack, Jan Deichner, Gerrit Jöns-Anders, Friederike Trudzinski und Oliver Lenze. Wie es war? Lest exklusiv eine Kurzversion und eine Langversion:
Kurzversion:
17 interessierte zuhoerer
ein sehr netter co leser
und ein verkauftes buch
ich bin zufrieden
hast spass gemacht

Langversion:
Montach 3.5.,16:00 Uhr. Es beginnt der Stau in HH, freie Fahrt dafür auf der A 24. Gelbe Felder, das Klima wird milder. Wir gehen davon aus, schon vorbeigefahren zu sein –
oder das Land ist zum Vorbeifahren gedacht. Aber es sind noch fünfzich Kilometer. Wir landen, treffen auf J. R. Ewing in seinem Windmühlenminiaturpark. Wir treffen auch die Überreste der Baader-Meinhof-Clique & einen etwas kleingeratenen David Hasselhof. Wir sehen die einzigen zwei hübschen Frauen mit einem Ford Ka an uns vorbeifahren, danach kommt das Gewerbegebiet, Obi, Aldi, Lidl, Spielothek, Kegelhalle, große Parkplätze mit der tiefergelegten Neuruppiner Jugenbewegung. Daneben das Union Kino. Wir werden als Spedition angekündigt: “Deichner & Spindler”. Wir gehen zum Asiaeuro-Imbiß. Ich esse lieber nichts. Hier gibts alles. Wurst, Majo, Döner, Sojasoße und Reis und Bier und Jugendliche in Iron-Maiden-T-Shirts. Wir müssen los. Der Kinobetreiber ist so breit wie hoch. Arbeitet zu viel. Die heutige Zeit eben. Sorgt für Ruhe und Ordnung. Hat nischt gegen rechte Stiefelträger. Hat schon mal einem 52jährigen Schläge angedroht, weil der rumgepöbelt hat. Behinderte dürfen bei ihm auch ins Kino. Seine Frau arbeitet auch dort, sie würden sich sonst gar nicht mehr sehen. Wir bekommen ein Wasser spendiert. Ein Mikro, das nicht immer funktioniert und ein Publikum, das ich nicht sehen kann. Oder das Kino ist einfach zu groß oder die Kinosessel haben ein Eigenleben – ein paar setzen sich dann doch noch. Ich sehe trotzdem immer noch nichts, aber wir werden sogar von der hiesigen Presse fotografiert, Notizen werden gemacht. Wir lesen und gehen. Wir trinken kein Bier, schauen uns nicht denn Film an. Wir sind glücklich, wieder auf der A24 zu sein. Der Duft der Luft ist herrlich. Mo Abend 23:31 Uhr in der Schanze. Im Sessel eines Clubs platzgenommen. Whskey Sour dreimal bestellt. Herrlich. Jeder hat 58.50 Euro verdient. Wir gehn sogar mit einem Plus um 2:30 Uhr nach Hause.

Eine weitere ehrenvolle Vorbandfunktion hatte Oliver Lenze, der mit seinen fußball-lastigen “Kolumnen für den Weltfrieden” nicht nur im Rahmen einer 2004er-EM-Kunstausstellung vorpreschte, sondern auch im Millerntorstadion den Film „The other Final“ einleiten durfte. Hier ein total bescheuertes Beweisfotos davon:

Gerrit Jöns-Anders, der im Jahr zuvor den Roman “Jugendstil” zusammen mit einer Musik-CD auf den Markt geworfen hatte, trommelte gute Musikerfreunde zusammen und spielte auf einigen Lesungen im ganzen Land seine eigene Vorband. Darf ich vorstellen: Wolfgang Proppe (Erdmöbel), Stephan „Gudze“ Hinz (H-Blockx), Gerrit Jöns-Anders, Alexander Morsey (v.l.n.r.)

So. Genug der Anekdoten für heute. Wir sagen tschüss & auf Wiedersehen bis 2005 (= 11.10.2013)!